Arbeiten mit Licht
Fotografie ist zu großen Teilen ein Handwerk: Handwerk heisst in diesem Zusammenhang, dass man wie ein Tischler, Kürschner oder Konditor seinen Werkstoff verstehen, interpretieren und formen können muss.
Der Werkstoff eines Fotografen ist Licht.
Um beseelte und atmosphärisch dichte Fotografien zu gestalten, muss man verstehen, wie man Licht messen, interpretieren und schlussendlich auch Formen kann.
Das gilt für jedes fotografische Sujet im gleichen Maße, egal ob man sich in der Portrait, Tier, Sport oder der Reportagefotografie bewegt.
Für jedes dieser fotografischen Betätigungsfelder gilt:
Das Licht macht ein Foto besonders.
Das Licht haucht ihm Leben ein.
Das Licht gibt dem Foto Tiefe und Kraft.
Das Problem mit dem wir in der Landschaftsfotografie tagtäglich zu tun haben ist, dass wir mit dem vorherrschenden Licht arbeiten müssen.
Wir haben keine Lichtformer wie ein Studiofotograf.
Auch können wir eine Landschaft mit Blitzen oder Kunstlicht nicht im gewünschten Maße arbeiten.
Landschaftsfotografie ist immer Available Light Fotografie
Den Motivkontrast beherrschen
Landschaftsfotografen sind immer die Ersten und die Letzten an einer Location anzutreffen, um das erste und das letzte Licht des Tages einzufangen.
Für mich ist der schönste Zeitpunkt für meine Fotografie immer der frühe Morgen. Die Luft ist frisch und duftet nach frisch gewaschener Bettwäsche
.
Der ganze Tag liegt noch vor einem und man kann mit einem wunderbaren Heißgetränk seinen Gedanken nachhängen und dabei den Sonnenaufgang begrüßen.
Kraft Tanken, die Natur genießen, die Stille und die Einsamkeit sind traumhaft.
Man ist Zeuge, wie die Sonne beginnt noch weit unter dem Horizont alles in wunderbare Art Deco Pastellfarben zu tauchen.
Alles passiert in einer wunderbaren Langsamkeit.
Erlebe das schöne in Zeitlupe...... 
Es gibt aber bei aller Großartigkeit dieser Momente ein fundamentales Problem:
Der Kontrastumfang vor dem Sonnenaufgang kann sehr schnell das Lichtaufnahmevermögen der besten Sensoren überfordern.
Der Ein oder Andere kennt das sicherlich. Man steht mitten in der schönsten Landschaft und wird Zeuge eines wunderbaren Sonnenaufgangs. Aber wenn man versucht, diese zu fotografieren ist der Himmel entweder total weiss, oder die Farben sind ausgewaschen.
Belichtet man jetzt auf einen voll durchgezeichneten Himmel, wird dieser zwar wunderbar wieder gegeben, aber dafür ist der Vordergrund total abgesoffen und konturlos.
Das liegt einfach daran, dass der Unterschied zwischen den dunkelsten Bildelementen und den Hellsten nicht auf den Sensor passen.
Die Decke ist einfach zu kurz, ziehe ich sie hoch frieren die Füße, bedecke ich diese friert der Oberkörper.
Ausweglos.
Es gibt zwei Möglichkeiten dieses Dilemma zu lösen eine vor Ort und bereits bei der Aufnahme und eine unter Verwendung mehrerer Aufnahmen und anschließendem Verrechnen dieser Fotos:
- Verwenden von Grauverlaufsfiltern (Graduated Neutral Density Grad)
- Erstellen von Belichtungsreihen für HDR oder DRI Aufnahmen
Die Verwendung von Grauverlaufsfiltern
Wir verwenden seit Jahren Grauverlaufsfilter um die vor Ort gegebenen Lichtmengen direkt bei der Aufnahme zu steuern. Vorteil ist dass man sofort sieht ob die Belichtung funktioniert hat oder nicht.
Nichts ist schlimmer als am Mono Lake Tausende KM von zuhause einen grandiosen Sonnenaufgang zu belichten nur um zuhause feststellen zu müssen dass man aus der Belichtungsreihe kein Topprint generieren kann.
Ich brauche das beruhigende Gefühl sofort und am Ort des Geschehens sicher zu sein:
"Das Passt so !"
Was ist ein Grauverlaufsfilter ?
Bei einem Grauverlauf handelt es sich in aller Regel um ein Polymermaterial dass im unteren Bereich durchsichtig und im oberen Neutralgrau eingefärbt ist.
Diese Filter gibt es in verschiedenen "Verdunklungsgraden", diese Verdunklung wird in sogenannten "Dichten", "Blendensprüngen" oder Lichtwerten (LW) angegeben.
So halbiert ein NDG (Neutral Density Grad) 0.3 die Lichtmenge im Hellen Himmelsbereich des Fotos.
Bei der Verwendung eines NDG 0.6 wird die Lichtmenge im Himmel zweimal halbiert, beim 0.9er wären es dann drei Halbierungen usw.
Zur Verdeutlichung:
Nehmen wir mal an wir hätten die Kamera fertig eingestellt Blende wäre F-11 und ermittelte Zeit des Kamera Belichtungsmessers für einen sauberen Himmel wären 1/500 Sekunden dann würde der 0.3er aus dieser Zeit 1/250s machen, der 0.6er 1/125s und der 0.9er dann 1/60s.

Bei diesem Foto bspw. kam ein HiTech NDG 1.2 mit Softem Verlauf zum Einsatz der Himmel wurde also um insgesamt vier ganze Lichtwerte abgedunkelt !
Man kann sich also Vorstellen was passiert wäre wenn ich ohne diesen Filter versucht hätte dieses Foto zu machen !
Der Himmel wäre bei der selben Schattenzeichnung wie im Foto rechts um ganze vier Lichtwerte zu hell. Er wäre Weiss, eine Weisse Fläche ohne jedwede Bindung zum wunderbaren Vordergrund.
Woher weiss man aber jetzt welche Filterstärke notwendig ist um ein farbintensives und von den Lichtern bis zu den Schatten sauber durchgezeichnetes Foto zu erhalten ?
Motivkontrast ermitteln
Gerade Anfänger machen bei der ersten Nutzung des Grauverlaufsfilters oft den Fehler dass der Vordergrund zwar wunderbar durchgezeichnet ist, der Himmel dafür zu dunkel wird.
Der Himmel ist aber immer heller als der Vordergrund.
Damit das nicht passiert muss man zwei Schritte zur Anwendung bringen:
- Zunächst müssen wir den Unterschied zwischen dem dunkelsten Punkt der noch Zeichnung haben soll (der nicht schwarz sein soll) und dem hellsten der nicht weiss sein soll ermitteln.
Wie macht man das ?
Ich stelle hierzu die Kamera auf Zeitautomatik gebe irgendeine Blende vor die Bleibt dann eingestellt.
Dann stelle ich auf Spotmessung und messe den dunkelsten Punkt an.
Bsp: Kamera ermittelt bei Blende 8 eine Zeit von 1/4s
Anschließend gehe ich hin und messe auf den hellsten Punkt und merke mir die ermittelte Zeit bspw: Blende 8 Zeit 1/500s
Jetzt müssen wir die Differenz aus diesen beiden Zeiten ermitteln, genau diese Differenz ist nämlich der vorherrschende Motivkontrast.
Das geht so:
1/500s = ist Wert
1/250s = 1 LW Differenz
1/125s = 2 LW Differenz
1/60s = 3 LW Differenz
1/30s = 4 LW Differenz
1/15s = 5 LW Differenz
1/8s = 6 LW Differenz
1/4s = 7 LW Differenz
Die Differenz zwischen Hell und Dunkel beträgt also 7 Lichtwerte.
Das sagt erstmal nichts, ausser dass es sieben ganze Blendensprünge in der Lichtsituation gibt.
Wichtig ist dass man weiss wieviel Blendensprünge man maximal machen kann damit die Farben intensiv gezeichnet werden und die gesamttonalität passt.
Ich schaue dass ich nicht über 6 Lichtwerte Tonwertumfang komme in meinen Aufnahmen.
Besser sind Fünf !
Welcher Filter müsste jetzt genommen werden um in diesen Rahmen zu kommen ?
Genau ein 0.6er !
Thats it jetzt passt alles.
Wie man es hinbekommt dass der Himmel sich im Verhältnis 1:1 im Wasser spiegelt werde ich an dieser Stelle nicht erklären das ist Kür und wird im Rahmen unserer Workshops im direkten Dialog vermittelt.

Ich wünsche euch weiterhin gut Licht und möge das Licht immer mit euch sein.....


Hey Serdar,
schön geschrieben! Dein Beispiel im Text fängt aber nicht bei 1/500 an, sondern bei 1/2000...
Dann wären es 9 LW Differenz und ein ND 1.2.
Oder habe ich das falsch verstanden???